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Indien: ein Land in Leid und Schmerzen

Liebe Freundinnen und Freunde der Fransalianer,
diese Ausgabe von Agape schreibe ich mit schwerem Herzen, weil ich euch von der tragischen Lage in Indien berichten muss, die durch die zerstörende Kraft der zweiten Covid-Welle hervorgerufen wurde. Viele von euch haben mir besorgte Anfragen geschickt, um mehr über die immer schlimmer werdende Lage in Indien zu erfahren. In einem Wort: Indien ist ein gebrochenes Land, ein Land in Leid und Schmerzen.
Es gibt viel Leid, Sorge und Kummer im ganzen Land. Die Infektionsrate steigt täglich in erschreckendem Ausmaß. Die tägliche Todesrate ist so hoch, dass die Krematorien und andere Verbrennungsorte es nicht mehr schaffen, den wartenden Menschen einen Platz für die letzten Riten des Abschieds von ihren Lieben zur Verfügung zu stellen.

Landesweit gibt es einen akuten Mangel an Sauerstoff. Krankenhäuser in ganz Indien sind davon betroffen. Die Menschen kämpfen um Sauerstoff-Flaschen und Krankenhausbetten.
Das Land ächzt unter einem chronischen Mangel an Intensivbetten, was viele Familien zwingt, eine weite Strecke zurückzulegen, um ein Bett für ihre Patienten zu finden. Neu Delhi, die Hauptstadtregion von Indien mit 20 Millionen Menschen, ist am schwersten betroffen. Die Krankenhäuser sind voll und neue Patienten werden weggeschickt. Einige Straßen in der Umgebung der Krankenhäuser sind überfüllt mit Schwerkranken und ihren Familienangehörigen, die versuchen, sie mit Tragbahren und Sauerstoff zu versorgen, während sie bei den Krankenhausleitungen um ein Bett betteln.

Die meisten der Riesenstädte wie Bombay und Bangalore stöhnen unter dem Druck der mangelhaften medizinischen Versorgungslage. Außerhalb der Krankenhäuser spielen sich herzzerreißende Szenen ab, die die schreckliche Realität des Zusammenbruchs des indischen Gesundheitswesens aufdecken: Leute sterben, weil sie nicht den lebensrettenden Sauerstoff bekommen.

Öffentlicher Ärger

Es gibt viel öffentliche Wut auf die Zentralregierung und auf die politisch Verantwortlichen im allgemeinen. Ihnen wird vorgeworfen, total versagt zu haben. Sie hätten diese Tragödie voraussehen müssen, die sich seit längerer Zeit abzeichnete. Aber die frühzeitigen Warnungen von Wissenschaftlern und Medizinern wurden ignoriert. Die kostbare Zeit zwischen der ersten und der zweiten Welle wurde nicht genutzt, um das öffentliche Gesundheitswesen so effektiv umzugestalten, dass man in der Lage gewesen wäre, die schreckliche Wucht der zweiten Welle abzufedern.

Die allgemeine Impfaktion startete zwar rechtzeitig. Aber dann kam sie nicht in Schwung, was auf den Mangel an kluger Koordination und auf das Fehlen wirksamer Kommunikation zurückzuführen ist. Wegen dieses Ausbleibens der Voraussicht und der rechtzeitigen Planung erleidet Indien, der weltweit größte Produzent von Impfstoffen, nun einen akuten Mangel an Impfstoffen und bettelt um Hilfe aus dem Ausland. Bis jetzt haben nur 160 Millionen Menschen die Impfung erhalten. Es ist sicher eine immense Aufgabe für jede Regierung, eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden impfen zu lassen.

Anstatt mit kompetenterer Planung und Koordination in die dringende Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens zu investieren, um sich dem nächsten Ausbruch des Virus zu stellen, hat es die Regierung von Indien leider bevorzugt, ihren relativ erfolgreichen Umgang mit der ersten Welle zu feiern. Auch die politischen Parteien im Land gingen in einen Entspannungs-Modus.

Die meisten politischen Parteien einschließlich der Regierungspartei waren mit dem Wahlkampf in einigen Staaten beschäftigt und organisierten Massenkundgebungen und Versammlungen mit Tausenden von Menschen, ohne die covid-gerechten Verhaltensregeln zu beachten, während das Virus noch „schlummerte“. Prominente Führer der politischen Parteien inklusive des Premier-Ministers und vieler Minister seines Kabinetts führten einen aggressiven Wahlkampf, indem sie Menschenmassen einluden, sich zu versammeln, und dabei die gültigen Covid-Normen völlig missachteten.

Religiöse Feste wie z. B. das Kumb Mela am Ufer des Ganges, an dem Millionen von Menschen beteiligt sind, wurden ohne weiteres erlaubt, ja sogar ermutigt. Internationale Cricketspiele mit Tausenden von Zuschauern im Stadion fanden ebenfalls statt.

Die gegenwärtige Situation

Diesen Text habe ich am 8. Mai geschrieben. An diesem Tag zählte Indien bereits mehr als 21 Millionen Infektionen und beklagte über 230.000 Tote. Die Infektionszahl steigt um täglich 400.000, die Zahl der Toten um fast 4000 pro Tag. Es wird von derzeit mehr als 3 Millionen aktiv Erkrankter berichtet. Experten sagen voraus, dass die Infektionen noch zwei oder drei Wochen ansteigen werden. Die wirklichen Zahlen der Kranken und der Toten sind vermutlich viel höher als die offiziell von den Behörden angegebenen, weil viele Menschen sich nicht testen ließen oder nicht um den Zugang zu einem Test kämpften. Viele Tote in ländlichen Gegenden werden übrigens gar nicht registriert.

Jetzt nimmt das Testen zu und damit die Anzahl der positiven Ergebnisse. Die Warnungen der Wissenschaftler und medizinischen Experten sind alarmierend. Eine dritte Welle wird vorausgesagt, ebenso die Erkrankung von Kindern und Jugendlichen.

Hilfe aus dem Ausland

Mehr als 120 Länder einschließlich der USA, Deutschlands, Frankreichs und der meisten EU-Länder senden Indien Hilfe. Sauerstoffgeräte und andere benötigte Ausstattung kommen täglich per Flugzeug ins Land. Die indische Eisenbahn hat den „Sauerstoff-Zug“ eingeführt, der den Sauerstoff in alle Winkel des Landes bringt.

Sauerstoffversorgung

Die Armen leiden am meisten

Die zweite Welle der Pandemie hat wieder einmal die Ärmsten der Armen in Indien in ein schreckenerregendes Szenario versetzt: Tausende Familien hungern und sind nicht mehr in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen. Jetzt werden wieder strenge Lockdowns im ganzen Land verhängt. 23 % der indischen Bevölkerung leben schätzungsweise unter der Armutsgrenze. Weitere 20 % gehören der unteren Mittelklasse an. Somit sind 40% der Bevölkerung gezwungen, ein Leben von der Hand in den Mund zu führen. Dies entspricht einer Gesamtzahl von deutlich mehr über 500 Millionen Menschen, die in Armut gestürzt werden, weil sie ihre täglichen Arbeit und so ihren Lebensunterhalt verlieren. Millionen von Kindern werden vielleicht nie mehr in die Schulen zurück kommen, da ihre Familien angesichts von Hunger und Krankheit ums Überleben kämpfen.

Covid-Hilfe durch die Fransalianer

Zusammen mit der Kirche von Indien und vielen anderen sozialen Organisationen, sind die Fransalianer an vorderster Front, wenn es darum geht, den am meisten Gefährdeten und Benachteiligten Trost und Hilfe zu bringen. Als eine größere Ordensgemeinschaft haben die Missionare des hl. Franz von Sales den örtlichen Verwaltungen großherzige Unterstützung und Zusammenarbeit in ihren Anstrengungen angeboten, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen und den Bedürftigen unmittelbare Hilfe zukommen zu lassen.

Die meisten Schulen und Institutionen der Fransalianer wurden als Covid-Stationen zur Verfügung gestellt. Schutzkleidung und Masken wurden Ärzten und Pflegern kostenlos übergeben. Die Schulbusse werden als mobile Kliniken und für eilige Krankentransporte benutzt. Eine große Anzahl von Kindern, die ihre Eltern verloren haben, werden in den Internaten der Fransalianer betreut.

Covid Hilfsprogramm durch Vikasjyothi

Vikasjyothi hat als die Missionsprokur der Fransalianer ein Hilfsprogramm für die ärmsten Familien in allen Fransalianer-Missionsstationen in Karnataka und Kerala auf den Weg gebracht. Manche Familie haben ihren einzigen Ernährer verloren. Andere haben ihre Jobs und ihren Lebensunterhalt verloren. Wieder andere können sich medizinische Behandlung für ihre kranken Angehörigen nicht leisten. Die Fransalianer haben über 20 Missionszentren in Karnataka und Kerala. Das Vikasjyothi Hilfsprogramm erreicht in dieser schwierigen Zeit 500 Familien in Not mit einem finanziellen Mindestbetrag für ihren Lebensunterhalt.

Spendenaufruf

Die wichtigste Quelle für Geldmittel ist die Agape-Gruppe, die als Freundeskreis der Fransalianer in Mömbris im Kahlgrund bekannt ist. Unsere Geldmittel sind sehr begrenzt. Wir tun, was nur immer möglich ist.

Mit dieser Ausgabe von Agape möchte ich einen sehr ernsten Aufruf an alle unsere Freunde und Wohltäter richten, mit euren Beiträgen eine Geste der Solidarität zu zeigen, so dass wir noch mehr Familien in Not und Bedrängnis erreichen können, um ihre Leiden in diesen schwierigsten Zeiten etwas zu mildern. Indien ist ein Land, das nach Atem ringt. Der Misserfolg des Gesundheitswesens ist in der Tat ein Erstickungs-Szenario. Die Covid-Krise ist für Indien ein nationales Unglück.

Ich selbst bin wohlauf, aber vollständig an das Haus gebunden. Mehr als 15 der Mitbrüder in meiner engsten Umgebung hatten Covid. Alle haben sich gut erholt. Auf nationaler Ebene hat die Kirche von Indien 40 Priester und zwei Bischöfe durch Covid verloren. Kirchen und Schulen sind geschlossen. Das Leben im ganzen Land ist zum Stillstand gezwungen. Die Wirtschaft wird schwer in Mitleidenschaft gezogen. Überall gibt es viel Ärger und Unmut, Angst und Leid, Frustration und Hilflosigkeit.

Liebe Freundinnen und Freunde, ich bitte euch, unsere segensreiche und dringend not-wendige Arbeit mit euren Spenden weiterhin zu ermöglichen und danke euch allen für eure Unterstützung und Solidarität in dieser sehr kritischen Zeit. Lasst uns im Gebet und in der Hoffnung auf bessere Zeiten zusammenstehen.

So grüße ich euch alle und sende euch gute Wünsche! Gott segne euch!

Herzlich,
Euer Pater Thomas, MSFS